für »sichere Bindung« ist es nie zu spät

Bindungstheorie - "stronger and wiser"

Der englische Psychoanalytiker und Kinderpsychiater John Bowlby (1907-1990) erforschte im Auftrag der WHO die Probleme elternlos aufwachsender Nachkriegs- Kinder und veröffentlichte 1951 seine Ergebnisse. Er stellte fest, dass die in Heimen lebenden Kinder an einem Mangel an Mutterliebe litten. "Noch das siebte Kind ist am schmutzigen Rockzipfel seiner Mutter besser aufgehoben als in einem Heim."

Dass in der Bindungstheorie meistens Bindungsperson gleich Mutter ist, liegt an den empirischen Forschungen vor vielen Jahren, in fernen Ländern, wo für die Beobachtungen fast nur Mütter zur Verfügung standen. Inzwischen ist anerkannt, dass Väter und sogar nicht Verwandte ebenso gute oder bessere Bindungspersonen werden können. Die Bedeutung des unterschiedlichen Geschlechts der Bindungsperson bzw. des Kindes (z.B. Tochter-Vater) wird in der Bindungstheorie nicht thematisiert.

Bei der Bindung handelt es sich um eine lang andauernde, gefühlsbetonte Beziehung zu einem bestimmten Menschen, der sogenannten Bindungsperson, von der wir Schutz und Unterstützung erwarten.

2008

Bowlby 1982, 159 fUnter Bindungsverhalten wird, kurz gesagt, jede Form des Verhaltens verstanden, das dazu führt, dass eine Person die Nähe eines anderen differenzierten und bevorzugten Individuums, das gewöhnlich als stärker und/oder klüger empfunden wird, aufsucht oder beizubehalten versucht. Wenngleich das Bindungsverhalten während der Kindheit besonders deutlich sichtbar ist, wird angenommen, dass es für den Menschen von der Wiege bis zum Grab charakteristisch ist.

Vier Phasen in der Entwicklung der Bindung

  1. Orientierung und Signale ohne Unterscheidung der Figur
  2. Orientierung und Signale, die sich auf eine (oder mehrere) unterschiedene Person (Personen) richten
  3. Aufrechterhaltung der Nähe zu einer unterschiedenen Figur durch Fortbewegung und durch Signale
  4. Bildung einer zielkorrigierten Partnerschaft (empathisches Wissen einsetzen, um die Erfolgswahrscheinlichkeit des Bindungsverhaltens zu erhöhen)

Das Kind braucht eine "sichere Basis", um von dort aus die Welt erkunden zu können. Das Explorationssystem steht dem Bindungssystem entgegen.

Der biologische Sinn von Bindung ist der Schutz vor Gefahren. Bei Angst aktiviert das Kind sein Bindungssystem. Die Bindungsperson muss verfügbar sein, um es wieder zu deaktivieren. Das heißt, die Bindungssignale wahrnehmen und darauf angemessen reagieren. Die Bindungsperson muss "stronger and wiser" sein, damit das Kind von dieser lernt Situationen selbst einzuschätzen. Fühlt sich das Kind ignoriert, bestraft oder lächerlich gemacht, wird es seine Bindungsbedürfnisse (gegenüber dieser Person) kontrollieren und unterdrücken.

Eltern unterstützen und fördern die Autonomieentwicklung ihres Kindes, wenn sie diesem überzeugend vermitteln, dass sie das Risiko bei der Exploration der Welt mitzutragen bereit sind. Dies gilt auch für das Jugendalter.

Das affiliative Verhaltenssystem sorgt für das Zusammensein mit anderen Personen, die das Kind sich selbst sucht, z.B. Spielkameraden. Das ist keine Bindungsbeziehung. Bei einer Liebesbeziehung wirken alle 3 Verhaltenssysteme zusammen.

Innere Arbeitsmodelle - Bindung von Kindern zu ihren Bindungspersonen

Ein Kind kann mehrere Bindungspersonen haben (Mutter, Vater, Familie, Erzieher, andere Personen), die eine Hierarchie bilden. Es sollten aber nicht zu viele sein.

Das Kind verarbeitet die Erfahrungen mit seinen Bindungspersonen zu Erwatungen, wie diese auf seine Bindungswünsche höchstwahrscheinlich reagieren werden. Diese inneren Arbeitsmodelle können sich auch bei jeder Bindungsperson unterscheiden (beziehungsspezifisch). Solange ein Kind nur unsichere Bindungen hat, wird es nach einer sicheren Bindung - auch außerhalb der Familie - suchen.

Das ältere Kind bildet aus den unterschiedlichen Erfahrungen mit seinen Bindungspersonen ein inneres Arbeitsmodell von sich selbst. Der Selbstwert ist ein Durchschnitt, wie wichtig das Kind seinen Bindungspersonen ist.

Im Laufe des Lebens kann sich der Selbstwert aufgrund neuer Bindungserfahrungen ändern (Scheidung, Fremdunterbringung, Todesfall, Arbeitslosigkeit, ...), aber auch verbessern (Ersatz-Bindungsperson).

Bowlby 1976, 410 Selbstsicherheit ist die Fähigkeit, vertrauensvoll auf andere zu bauen, wenn es die Gelegenheit erfordert, und zu wissen, auf wen zu bauen angemessen und richtig ist.

Mary Ainsworth beobachtete in Uganda und Baltimore (1969) Mütter mit ihren kleinen Kindern und entwickelte die Bindungstypen A-C:

B

sicher

55 %
  1. Signale des Kindes wahrnehmen, weil in der Nähe und zugänglich
  2. Signale richtig deuten, empathisch anerkennen und von eigenen Bedürfnissen unterscheiden
  3. reagiert prompt, weil das Kleinkind zeitliche Abstände nicht begreifen kann
  4. reagiert angemessen, gibt was wirklich nötig ist, nicht zu viel und nicht zu wenig
  • Kinder zeigen offen, dass sie unter der Trennung leiden und freuen sich bei der Rückkehr
  • Nutzen Bindungsperson als sichere Basis um die Umgebung zu explorieren
C

unsicher-ambivalent

8 %
  • Antwortbereitschaft der Bindungsperson nicht vorhersehbar
  • Kind schreit, klammert
  • Bindungssystem dauernd aktiv, Explorationssystem gering
  • kaum Neugier, stattdessen die Bezugsperson kontrollieren
  • Nähe zur Bindungsperson, um Wut und Enttäuschung auszulassen
  • Bei Abwesenheit der Bindungsperson nicht mehr in der Lage den Raum zu erkunden
  • ausschließlich damit beschäftigt auf die Rückkehr zu warten
  • bei Rückkehr anklammern und ärgerliches Verhalten
A

unsicher-vermeidend

23 %
  • Autonomie, Affekthemmung
  • in Erwartung einer kommenden Enttäuschung vermeiden Kinder, ihren Bindungswünschen Ausdruck zu verleihen
  • durch Abwesenheit der Bindungsperson kaum beeindruckt
  • bisweilen Kontakt zur fremden Person bevorzugt
  • pflegeleichtes Kind, Selbständigkeit
D

unsicher-desorganisiert
unsicher-desorientiert

15 %
  • nicht klassifizierbar
  • widersprüchliches Verhalten
  • erst freuen dann wegrennen

entwicklungspsychopathologische Bedeutung (psychisch krank)

  1. misshandelte Kinder (Ängste des Kindes vor der Bindungsperson)
    das Bindungssystem wird von der Bindungsperson aktiviert, die es als einzige deaktivieren könnte
  2. depressive Mütter, die selbst als Kind ein Trauma erlitten haben (Angst der Bindungsperson)
    bei der Bindungsperson wird ihr eigenes Bindungssystem aktiviert, was das Pflegesystem deaktiviert
  3. Temperament
    chronischer Stress, auch vor der Geburt
    aufwachsen im Heim
    angsterregendes Verhalten der Eltern oder Erzieher

 

Adult Attachment Interview - AAI - Bindung von Erwachsenen zu ihren Eltern

Durch Beobachten kann die Bindungsrepräsentanz nur bei Kindern bis 10 Jahre ermittelt werden, danach wechseln sie von der Verhaltens- auf die Repräsentationsebene. Sie versuchen die Erwartungen des Beobachters zu erfüllen.

Beim Erwachsenenbindungsinterview werden Jugendliche und Erwachsene befragt. Ausgewertet wird weniger der Inhalt, sondern vor allem die Schlüssigkeit, narrative Kohärenz, und Nachvollziehbarkeit der Antworten auf Fragen nach der nachträglichen Einschätzung der Beziehung zu den Eltern, insbesondere nach früheren Bindungserfahrungen und Trennungserlebnissen und den dadurch hervorgerufenen Emotionen. Dabei wird von der Annahme ausgegangen, dass eine gute und kohärente Struktur der Rede auf eine gelungene Integration der bindungsrelevanten Erinnerungen in das psychische System hinweist. Dies betrifft vor allem Ereignisse, deren Erinnerung mit negativen Emotionen verbunden ist.

Weil die Bindungs-Erfahrung mit den eigenen Eltern wesentlichen Einfluss auf das eigene Verhalten gegenüber Kindern hat, sollten alle professionellen Erzieher die Fragen aus dem AAI für sich selbst beantworten. Wer beim Kontakt mit Kindern mit seinen eigenen Gefühlen und Ängsten zu kämpfen hat, d.h. sein eigenes Bindungssystem aktiviert, gehört selbst in eine Therapie...

Literatur: Institut Johnson, Thesen zur „Fachkraft“ in der öffentlichen Erziehung
Literatur: Helmut Johnson, Das Kindeswohl und das persönliche Engagement in der sozialen Arbeit

die Fragen des Adult Attachment Interview jetzt beantworten

F

sicher-autonom

55 %
  • Bindungsbeziehungen wird grundsätzlich ein hoher Wert beigemessen
  • Antworten nachvollziehbar, Gefühle glaubhaft
  • gewisse Distanz auf bindungsrelevante Kindheitserlebnisse
  • Gefühle und Verhalten in bestimmten Situationen in Verbindung mit Bindungserfahrungen bringen
  • negative Emotionen, leidvolle Erfahrungen angemessen in Lebensgeschichte integriert
  • Bindungspersonen waren von großer Bedeutung
  • entwicklungsangemessene Befriedigung von Sicherheits- und Autonomiebedürfnissen
DS

unsicher-distanzierend

16 %
  • zumeist knappe Antworten im AAI
  • emotional eher unbeteiligte Abwertung
    emotionale Themen möglichst vermieden, insbesondere negative Gefühle
    Bedeutung für das spätere Leben tendenziell abgesprochen
    größter Wert auf eigene Unabhängigkeit
  • nicht überzeugende Überidealisierung
    übertrieben positive Einschätzung der Beziehung zu den Bindungspersonen
    entgegengesetzter Eindruck
    zu wenig kohärente Redestruktur
    erschwerter Zugang zu Erinnerungen und Gefühlen
  • schildern Eltern als wenig verfügbar und offen oder verdeckt zurückweisend
E

unsicher-verstrickt
unsicher-verwickelt

9 %
  • noch immer konfliktuöse Beziehung zu ihren früheren Bezugspersonen
  • vehemente oder widersprüchliche Gefühle von Ängstlichkeit und Wut gegenüber früheren Bindungspersonen
  • noch keinen Frieden gemacht
  • wollen nachträglich ihre Lebensgeschichte ändern
  • Erzählung zu ausführlich, kommen nicht auf den Punkt und zum Schluss
  • nicht gelungen bindungsrelevante Erinnerungen kohärent in Lebensgeschichte zu integrieren
  • Wechsel zwischen Ärger und Wut und kindlich anmutenden Versorgungswünschen
  • zu wenig von Vergangenheit distanziert, um Erlebnisse abgewogen und stimmig einschätzen zu können
  • mangelnde Autonomie und übermäßige Orientierung auf Beziehungen
U

unsicher-unverarbeitet

19 %
  • traumatische Erlebnisse aus der Kindheit nicht erfolgreich emotional verarbeitet
  • Missbrauch, Misshandlung oder Todesfälle naher Bezugspersonen
  • Beziehung zu den erwachsenen Bindungsfiguren nachhaltig erschüttert
  • Gedankan, die mit der Realität offenkundig nicht übereinstimmen
  • inkohärente Darstellung einer traumatischen Situation
CC

nicht-klassifizierbar

7-10 %
  • Hinweise auf ganz unterschiedliche Bindungsrepräsentationsanteile
  • bei Personen, die psychisch nicht grob auffällig sind, ausgesprochen selten

Intergenerationale Transmission - Bindung von Erwachsenen zu ihren Kindern - Ersatz-Bindung

Kinder machen sich mithin die Bindungskonzepte ihrer Eltern zu eigen. Die Qualität der Bindungsorganisation wird insofern von einer Generation auf die nachfolgende weitergegeben werden.

Allerdings lässt sich keineswegs umstandslos von problematischen Bindungserfahrungen in der Kindheit auf eine unsichere Bindungshaltung im Erwachsenenalter schließen. Die eigenen unglücklichen Bindungserfahrungen können verarbeitet und in die Lebensgeschichte integriert werden. Das ist durch die Partnerschaft mit einer Ersatz-Bindungsperson möglich.

Das auffällige Verhalten von Kindern und Jugendlichen kann als Ausdruck des Bindungssystems angesehen werden, die fehlende Bindungssicherheit herzustellen. Das heißt Bezugspersonen zu finden, die bei Gefahr angemessen reagieren und Schutz bieten. Die Summe der schlechten Erfahrungen, je älter das Kind wird, verringert die Hoffnung und lässt das Verhalten immer abweichender werden. Professionelle Erziehung muss also zuerst einen Zuwachs an Bindungssicherheit bringen.

Schleiffer, Roland Der heimliche Wunsch nach Nähe: Bindungstheorie und Heimerziehung 2009, 173, 230, 241 Vergleicht man die Erziehungsbedingungen, wird man feststellen können, dass es die Familie im Unterschied zur Schule, und erst recht zu den Institutionen der Jugendhilfe, auch leichter hat, ihre erzieherischen Kommunikationsbeiträge an den Jungen oder das Mädchen zu bringen. Folgende Antwort auf diese Fragen liegt nahe: Es ist die Bindungsbeziehung, die das Kind motiviert, sich an der erzieherischen Kommunikation zu beteiligen und sich erziehen zu lassen. ... Das Kind lässt sich erziehen der Bindungsperson zuliebe. In gewisser Weise hat ja auch Bowlby den Begriff Mutterliebe durch Bindung ersetzt. Bindungspersonen nehmen typisch emotionale Investitionen vor. Bindungsbeziehungen sind affektiv aufgeladen. Hält man sich diese Kriterien für eine Bindungsbeziehung vor Augen, wird man die Frage, ob Heimerzieher und Heimerzieherinnen Bindungspersonen sein können, die daher ebenso wie Psychotherapeuten eine hilfreiche Beziehung anbieten, eindeutig bejahen. Gerade in dieser Funktion als Bindungsfigur erleben sich Heimerzieherinnen denn auch unvermeidlich dem Vergleich mit den "natürlichen" Bindungspersonen der Kinder und Jugendlichen ausgesetzt. Heimerziehung kann sich daher auch nicht dem Vergleich mit der Erziehung in der Familie entziehen. Familienanalogie und Familienorientierung sind letztlich nicht zu vermeiden.

Da man bei den einem Heim anvertrauten Kindern und Jugendlichen davon auszugehen hat, dass deren Bindungskonzepte insgesamt schlechte Erfahrungen mit ihren ersten und natürlichen Bindungspersonen repräsentieren, müssen die im Heim tätigen professionellen Erzieher davon ausgehen, dass ihnen nicht unbedingt besseres zugetraut wird. Im Gegenteil werden die Erzieher erleben, dass sie von den Jugendlichen immer wieder in ähnlicher Weise wie die Eltern wahrgenommen werden. Die Kinder und Jugendlichen übertragen das Bild ihrer primären Bezugs- und Bindungspersonen auf sie. Die Jugendlichen werden erst gar nicht damit rechnen, dass sie gut und liebevoll behandelt und versorgt werden. Reziprok hierzu besitzen viele Jugendliche nur ein negatives Selbstbild. Sie können kaum glauben, dass es jemanden gibt, der sie für liebenswert hält. Hierin äußert sich die Filterfunktion der inneren Arbeitsmodelle von Bindung, mit denen sie, wie bereits erwähnt, weitgehend unbewusst ihre sozialen Beziehungen und ihr Selbstkonzept interpretieren und konstruieren. Neue Erfahrungen verunsichern, auch liebevolle.
Die nur hochunsicher gebundenen Jugendlichen lehnten Hilfe ab und frustrierten mit ihrem bindungsabwertendem und/oder unvorhersehbaren Verhalten ihre Erzieherinnen. Diese fühlten sich, so am Helfen gehindert, selbst hilflos, weil in ihrer beruflichen Rolle missachtet. ... Da es sich bei der Erziehung um eine Kommunikation handelt, die Personen zu verändern sucht, kann sie nur angeboten werden in Form einer Interaktion, die definiert wird als Kommunikation unter Anwesenden. Das persönliche Gespräch ist die typische interaktionale Form der Kommunikation. In einem Heim muss ein solcher Wunsch nach Interaktion immer wieder zu Konflikten mit der Organisationsstruktur dieser Institution führen. Typisch für Organisationen ist es nämlich, dass sich die Kommunikation nach Programmen richtet, die nie für einen Einzelfall gelten. Grundsätzlich sind daher in Organisationen Personen austauschbar. Heimerziehung wurde von dem Heimpädagogen Wolfgang Liegel (1992) gar als "organisierter Verrat" bezeichnet. ... Eine Bindungsbeziehung ist daher mit einer Organisationsstruktur ausgesprochen schlecht zu vereinbaren. Bindungspersonen sind eben nicht austauschbar. Organisierte Ferienfreizeiten sind nie ganz ohne. Zu Weihnachten wird das Lieblingskind mit in die eigene Familie genommen.

Das Ziel dieser professionellen Erziehung bestünde auch darin, dass der betreffende Jugendliche "zu einer narrativen Verarbeitung gelangt, die am Ende doch das in die Gegenwart hineinreichende, persistierende Trauma oder den Verlust einschließt und es damit zur Vergangenheit macht" (Steele und Steele 2001, 340). Weil Jugendliche mit einer Verarbeitung ihrer dramatischen Biographie in Gesprächen auf die Hilfe ihrer Eltern und Erzieher nicht rechnen können, sollte man hoffen, dass sie "andere Personen finden, die bereit sind, mit ihnen über ihre Erlebnisse und Gefühle zu sprechen" (Grossmann und Grossmann 2001, 80).

unsichere Bindung - Bindungsstörung - psychische Krankheit

Eine unsichere Bindung ist ein Risikofaktor aber noch keine Krankheit. Es gibt jedoch Kinder, die so etwas wie Bindung überhaupt nicht entwickeln konnten, weil keine Person als Bindungsfigur zur Verfügung stand.

Bindungsstörung des Kindes mit Enthemmung (F94.2) nach ICD-10 der WHO Es handelt sich um ein besonderes Muster abnormer sozialer Funktionen, welche während der ersten fünf Lebensjahre auftritt mit einer Tendenz zu persistieren, trotz deutlicher Änderungen in den Milieubedingungen. Etwa im Alter von zwei Jahren manifestiert es sich meist in Anklammern und diffusem, nichtselektivem Bindungsverhalten; im Alter von vier Jahren hält das diffuse Bindungsverhalten an, das Anklammerungsverhalten wird aber meist durch aufmerksamkeitssuchendes und wahllos freundliches Verhalten ersetzt. In der mittleren und späteren Kindheit können die Betroffenen selektive Bindungen entwickeln, das aufmerksamkeitssuchende Verhalten bleibt aber bestehen; mit Gleichaltrigen sind wenig modulierte Interaktionen üblich; abhängig von den Umständen können auch begleitende emotionale oder Verhaltensstörungen vorhanden sein. Das Syndrom wurde am deutlichsten bei Kindern identifiziert, die vom Kleinkindalter an in Institutionen aufgezogen wurden, aber es tritt auch unter anderen Bedingungen auf. Es wird angenommen, dass es teilweise durch einen andauernden Mangel an Gelegenheit, selektive Bindungen zu entwickeln, bedingt, das heißt, Konsequenz eines extrem häufigen Wechsels der Bezugspersonen ist. Die konzeptuelle Einheitlichkeit des Syndroms bezieht sich auf den frühen Beginn diffuser Bindungen, anhaltend dürftige soziale Interaktion und fehlende Situationsspezifität.

Bei anderen Kindern, die ignoriert, vernachlässigt oder misshandelt wurden, kann sich zwar eine Bindungsbeziehung entwickeln, die aber als gestört anzusehen ist. Solche Kinder zeigen entweder stark klammerndes (C) oder selbstverletzendes Verhalten als Zeichen dafür, dass sie ihre Bezugsperson nicht als sichere Basis zu nutzen gelernt haben.

Angststörungen können mit einer unsicher-ambivalenten (C) Bindungsorganisation in Zusammenhang gebracht werden.

Bei dissoziativen Störungen besteht in der Regel ein desorganisiertes (D) Bindungsmuster, zumeist als Folge von traumatisierenden Erlebnissen.

Schleiffer, Roland Der heimliche Wunsch nach Nähe: Bindungstheorie und Heimerziehung 2009, 67 Bei Kindern und Jugendlichen, die heute in einem Heim der öffentlichen Erziehungshilfe aufwachsen, kann man davon ausgehen, dass sie einem solchen kumulativen Risiko ausgesetzt sind, das ihre psychosoziale Entwicklung gefährden muss. Um diese Hochrisikogruppe wird es in den folgenden Kapiteln gehen.

Symptome von Bindungsstörungen

Das Fehlen einer sicheren Bindung führt beim Kind zu Dauerstress im Gehirn, der drei grundsätzliche Reaktionsarten nach sich ziehen kann: 1. Sich selbst ausschalten, 2. überaktives, unruhiges Verhalten, 3. aggressives und destruktives Verhalten gegenüber Sachen und Personen.

  Symptome, Anzeichen Typische Ursachen
in den ersten drei Lebensjahren

Symptome zu 1.

  • ausdruckslos, stumpf, reagiert nicht auf Anregungen von außen
  • neigt zu Infektionen
  • erste Stereotypen z.B. Kopfschaukeln
  • schlecht essen, untergewichtig
  • sterben ohne sichtbaren Grund
  • Entwicklungsverzögerungen gegenüber Gleichaltrigen
  • z.B. verzögerte Sprachentwicklung, Sauberkeitsentwicklung

Symptome zu 2.

  • nervös und unruhig
  • schreit viel
  • Probleme das Essen bei sich zu behalten
  • Sprachfehler
  • hektisch und überaktiv
  • beim explorativen Verhalten fehlt die Rückkopplung zur Bindungsperson
  • können längere Zeit allein sein, ohne nach ihrer Bindungsperson zu suchen
  • später wird ADS bzw. ADHS diagnostiziert

Symptome zu 3.

  • Aggressionen gegenüber Dingen und Personen sind immer Ausdruck von Angst.
  • Gewalt hat Modellcharakter für späteres Sozialverhalten.

Ursachen zu 1.

  • "Hospitalisierung", starke Vernachlässigung wegen fehlender Reife der Eltern
  • "postnatale" (nachgeburtliche) Psychose der Mutter und damit verbundene Unfähigkeit das Kind anzunehmen
  • Starke körperliche Gewaltanwendung der Eltern gegenüber dem Kind

Ursachen zu 2.

  • fehlende Stabilität und viel Unruhe in den äußeren Lebensbedingungen
  • fehlende emotionale Stabilität oder emotionale Ambivalenz der Bindungspersonen
  • Überforderung des Kindes durch zu wenig Empathie
  • zu wenig Kontinuität in der Betreuung
  • häufig wechselnde Bezugspersonen

Ursachen zu 3.

  • erlebte Gewalt gegenüber sich selbst
  • Gewalt zwischen bzw. gegenüber Bezugspersonen
Vorschulalter

Symptome zu 1.

  • autistische Züge
  • nehmen weder zu Kindern noch zu Erwachsenen Kontakt auf
  • Verzögerung in der Sprachentwicklung
  • in schweren Fällen keine Sprache
  • geistige Behinderung kann entstehen

Symptome zu 2.

  • "ADHS"
  • deutliche Konzentrationsschwächen
  • andere Kinder spielen nicht gerne mit ihnen, weil sie sich nicht an Regeln halten
  • Außenseiter
  • reagiert nicht auf Grenzsetzungen
  • Eltern oder Erzieher überfordert
  • vom Kindergarten wird Arztbesuch empfohlen
  • Beginn Kinder- und Jugendpsychiatrie

Symptome zu 3.

  • systematischer Einsatz von Aggressionen in sozialen Situationen
  • oder besonders ängstlich in Situationen, die neu sind
  • kann nachts noch einnässen

In diesem Alter werden die Moral und die kulturellen Werte der erwachsenen Bezugspersonen übernommen.

Störungen im Sozialverhalten.

Ursache ist und bleibt das unzureichende Bindungsangebot seitens der erwachsenen Bezugspersonen. Daran ändert auch die Vergabe von Medikamenten nichts.

Schulalter bis zur Pubertät
  • Übernahme spezifischer Verhaltensmuster von den Bezugspersonen
  • bestehende Verhaltens- und Entwicklungsstörungen verstärken sich
  • erhöhte Ängstlichkeit, Nacht- oder Einschlafängste
  • Kinder ohne erwachsene Bindungsperson beginnen sich allein durchs Leben zu schlagen
  • laufen weg oder kommen nicht nach Hause
  • orientieren sich an ebenfalls bindungslosen Gleichaltrigen, "Straßenkinder"
  • bevorzugen aggressive Vorbilder
  • Strafmaßnahmen ohne Wirkung, "schlag mich doch tot"
  • scheinbar selbstsicheres Auftreten, aber ängstlich und hilflos
  • Einkoten, übernimmt Existenz- und Überlebensängste einer erwachsenen Person
  • Aggressionen gegen einen Elternteil
  • stark sexualisiertes Verhalten

Besonders intensive Symptomatiken treten jetzt zusätzlich auf, wenn ein psychisch kranker Elternteil das Kind in seine Erkrankung einbezieht oder seine eigene Problematik auf das Kind überträgt (projiziert). Ein Beispiel dafür sind Depressionen bei Kindern in diesem Alter.

Stark sexualisiertes Verhalten in diesem Alter, das in Worten und Taten vergleichbar ist mit dem sexuellen Verhalten Erwachsener, ist nicht etwa das Zeichen für eine bereits weit entwickelte Sexualität beim Kind, sondern immer die Folge einer Bindungsstörung. Sie ist dadurch bedingt, dass ein Elternteil oder beide Eltern nicht in der Lage sind, sich in ihrer Sexualität – und meist auch in anderen Lebensbereichen – als erwachsen von dem Kind abzugrenzen.

Nicht selten ist das elterliche Verhalten bereits Folge von Bindungsstörungen, die sie selbst erlebt haben.

Adoleszenz bis Erwachsensein
  • Entwicklungsrückstände
  • intellektuelle Defizite, Lern- und Schulprobleme
  • emotional auf dem Stand eines Kleinkindes stehen geblieben
  • "große Sprüche" aber "kleine Seele"
  • bei altersadäquaten Anforderungen überfordert
  • reagieren auf Stress wie Kleinkinder mit Rückzug oder Aggression
  • nicht in der Lage am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen, das Privatleben zu organisieren
  • nicht in der Lage eine Berufsausbildung zu beenden, einen Arbeitsplatz zu behalten
  • Strafvollzug
  • gelten als behindert

Bis auf sehr wenige Ausnahmen ist heftiges fremdaggressives Verhalten bei Jugendlichen auf Bindungsstörungen zurückzuführen. Das gleiche gilt für einen großen Teil der Autoaggressionen. Die heute von der Kinder- und Jugendpsychiatrie diagnostizierten „Borderlinestörungen“ sind in der Regel das Ergebnis früher Bindungsstörungen. Da bei den meisten Bindungsstörungen bei Jugendlichen weder „normale“ Erziehungsmaßnamen (mit Sanktionierungs-, Strukturierungs- oder Trainingsmodellen) helfen, noch „Gesprächstherapien“ Wirkung zeigen, werden psychiatrische Diagnosen gestellt, die eine „wirkungsvolle“ Behandlung mit Medikamenten erlauben. An die Stelle des Ritalin, das in der Kindheit vergeben wird, treten jetzt hochwirksame Neuroleptika und Antidepressiva. Das Problem der Persönlichkeitsentwicklung wird dadurch nicht gelöst.

Abgrenzung gegenüber anderen Störungen In der Kindheit ist in erster Linie die Abgrenzung zwischen Bindungsstörungen und Störungen aufgrund von Organschäden notwendig. Insbesondere bei leichteren frühkindlichen Hirnschäden ist das Erscheinungsbild ähnlich. ... Die für die Förderung des Kindes erforderlichen Maßnahmen unterscheiden sich aber erheblich von den Maßnahmen bei Bindungsstörungen.

Noch wichtiger ist die Abgrenzung gegenüber Störungen, die aus Identifikationskonflikten in der Adoleszenz (ca. ab dem 15. Lebensjahr) entstehen (Psychosen und deren Vorstufen sowie Neurosen). Diese Störungen und Krankheiten sind in der Regel gekennzeichnet durch einen „Knick im Lebenslauf“, d.h. die Entwicklung in der Kindheit verlief weitgehend normal, und erst nach der Pubertät treten die Symptome auf. Auch hier kann eine sorgfältige Beschreibung des Lebenslaufs Aufschluss geben. Der Umgang mit Menschen, die unter einer Psychose leiden, erfordert in weiten Bereichen ein Verhalten, das dem Umgang mit Bindungsstörungen diametral entgegengesetzt ist.

Quelle: Institut Johnson, Bindungsstörungen

Heilung von Bindungsstörungen - Herstellen einer sicheren Bindung

Nirgendwo werden in der pädagogischen und therapeutischen Arbeit heute so viele Fehler gemacht wie bei der Betreuung von Kindern, Jugendlichen und Erwachsenen und deren familiären Umfeld, wenn Bindungsstörungen vorliegen. Der Grund liegt darin, dass die „Experten“ das Kind , den Jugendlichen oder Erwachsenen immer mit dem Maßstab einer „normalen“, altergemäß sich selbst bestimmenden Person vergleichen. Stellt der Experte eine Abweichung nach unten fest, fühlt er sich veranlasst, Maßnahmen anzubieten, die dieses Defizit möglichst kurzfristig ausgleichen. Der größte Fehler besteht darin, dass man meint, man könne Persönlichkeit mit persönlicher Eigenständigkeit und Eigenverantwortlichkeit antrainieren oder von außen erzeugen. Das ist nicht der Fall!! Persönlichkeit kann sich nur aus sich heraus im Zusammenspiel mit den erforderlichen Lebensbedingungen entwickeln. Ein zentraler Faktor und eine notwendige Voraussetzung für die Entwicklung einer eigenständigen Persönlichkeit ist eine sichere Bindung.
...
Bindungsstörungen entstehen aus dem Fehlen einer sicheren Bindung in der früher Kindheit. Dies führt in gewisser Hinsicht zu einem Stillstand in der Persönlichkeitsentwicklung. Um diesen Stillstand aufzuheben, ist es notwendig, dem Kind, dem Jugendlichen, dem Erwachsenen eine ersatzweise sichere Bindung anzubieten, bzw. bei sehr kleinen Kindern, zumindest einen Elternteil soweit zu stabilisieren, dass er eine solche sichere Bindung anbieten kann. Dazu muss man sich die wesentlichen Bestandteile einer sicheren Bindung anschauen:
1. Man braucht eine Bindungsperson, die
liebevoll ist,
einfühlsam ist,
verfügbar ist.
2. Die Bindungsperson muss selbst stabil, emotional belastbar und eindeutig „erwachsen“ sein.
3. Die Bindung entsteht „vorsprachlich“, d.h. unter Einbeziehung aller Sinneswahrnehmungen, wie Körperkontakt, Geruch, Geschmack, Hören, usw.
4. Das Erfahren der Welt wird zunächst über die Bindungsperson vermittelt.
5. Die Bindungsperson gibt Zeit und Raum Struktur und setzt ggf. Grenzen.

Die Ursache für Bindungsstörungen bei Kindern und Jugendlichen liegen nicht bei ihnen selbst sondern im Bindungsangebot, das ihnen ihre wichtigsten Bezugspersonen – also in der Regel ihre Eltern – machen können. Man kann das Kind nicht ändern, wenn man das Bindungsangebot nicht ändert. Pädagogische oder therapeutische Maßnahmen, die dies nicht berücksichtigen sind überflüssig und unsinnig.

Die Arbeit mit bindungsgestörten Kindern, die im familiären Kontext leben, erfordert in erster Linie Arbeit mit den erwachsenen Bezugspersonen (meistens mit der Mutter). Die damit beauftragte Person muss zunächst einschätzen, aufgrund welcher persönlichen Probleme Mutter und/oder Vater keine sichere Bindung anbieten können. Wie unterscheiden drei Arten von Problematiken bei den Eltern:

1. Eltern unreif, überfordert, haben selbst keine sichere Bindung erlebt
2. Eltern psychisch krank
3. Eltern kulturell entwurzelt, d.h. sie stammen aus einem anderen kulturellen Hintergrund und können sich nicht in die neue Umgebung integrieren.

Die Beratung in allen drei Problembereichen erfordert ein spezifisches Know-how. Beratungsangebote á la „Supernanny“ verstärken eher das Problem als es zu beheben. Zusätzlich ist immer ein erheblicher zeitlicher und persönlicher Aufwand erforderlich.

Quelle: Institut Johnson, Bindungsstörungen

Ablauf der Bindungsentwicklung mit einer „Ersatz-“ Bindungsperson

  1. Eine Bindungsperson „einbauen“
    Kinder und Jugendliche, egal ob sie 7 Jahre oder 17 Jahre sind, müssen „klein“ abgeholt werden. Dabei darf man sich auch nicht von den großen Sprüchen irritieren lassen, die bindungsgestörte Jugendliche in der Regel machen. Der Hauptkommunikationsweg für die Bindungsentwicklung ist Körperkontakt. Häufig reagieren die Kinder auf die ersten körperlichen Annäherungsversuche der Bindungsperson ängstlich und abwehrend. Jugendliche versuchen damit zu argumentieren, dass sie doch keine Kinder mehr seien. Aber spätestens nach zwei Tagen beginnen alle, die Körpernähe zu ihrer Bindungsperson zu genießen.

    Die Kontaktaufnahme muss sanft und einfühlsam erfolgen. Am Anfang ist es hilfreich, sich ritualisierte Körperkontakte vorzunehmen. Am besten beginnt man mit einem abendlichen Ritual bei zu Bett Gehen. Sehr wirkungsvoll ist es, das Kind/den Jugendlichen an den Armen, den Füßen oder auf dem Rücken mit einer angenehm riechenden Creme einzureiben. Wenn notwendig, kann man dazu anfänglich Argumente benutzen, die belegen, wofür das Einreiben denn gut sei; allerdings kann man darauf nach wenigen Tagen bereits verzichten. Wenn man als Betreuungsperson dazu ein Lied singt oder eine Geschichte erzählt, verstärkt das den Bindungseffekt. In der beschriebenen Situation werden viele Sinne angesprochen, und die Wahrnehmungen werden mit der Nähe eines liebevoll eingestellten Menschen assoziiert.

    Auch im Tagesablauf sollte immer wieder Körpernähe seitens der Bindungsperson gesucht werden, anspruchsvolle Diskussionen dagegen sollten vermieden bzw. abgewehrt werden. Einige Situationen bieten sich dazu besonders an: das morgendliche Wecken oder Aufstehen, gemeinsam auf dem Sofa sitzen und Fernsehen oder Musik hören, Haare waschen und Kämmen durch die Bindungsperson.

    Immer ist zu beachten, je mehr Sinne auf eine sanfte, angenehme Weise angesprochen werden, um so intensiver wird der Kontakt. Insbesondere bei Jugendlichen muss man sich immer wieder klar machen, dass man sie in der Kleinkindphase abholt. Kleinkindern würde man zum Frühstück keinen Kaffe geben, oder man würde mit ihnen nicht darüber diskutieren, welchen Krimi sie im Abendprogramm anschauen dürfen, usw. Deshalb lohnt es sich, zur Bindungsentwicklung den Tag so zu gestalten, dass darin viele „Kleinkindrituale“ vorkommen. Zum Frühstück (und auch zwischendurch) gibt es warmen Kakao, man singt gemeinsam Kinderlieder oder hört Kinderkassetten. Man schaut im Fernsehen gemeinsam „Sendung mit der Maus“ oder ähnliches. Inhalte und Formen der Rituale sind im Grunde von untergeordneter Bedeutung. Sie haben den Sinn und Zweck, die Entwicklung einer sicheren Bindung zu der erwachsenen Bezugsperson über vorsprachliche Kommunikationswege zu unterstützen.

    Die ersten Erfolge kann man bereits nach weniger als einer Woche beobachten. Das Kind/der Jugendliche sucht die Nähe zur Bindungsperson, Aggressionen treten zumindest im häuslichen Rahmen kaum noch auf (es sei denn nach Familienkontakten).

    Die anfängliche Phase der Bindungsentwicklung dauert ca. 6 Wochen. In dieser Zeit sollten möglichst wenige neue Anforderungen an das Kind gestellt werden. Z.B. sollte auf einen Schulbesuch verzichtet werden, andere Therapien oder Trainings sollten ausgesetzt werden. Familienbesuche sollten nur unter Teilnahme der Bindungsperson und nicht über Nacht erfolgen.

    Die Bindungsperson braucht in dieser Zeit besondere Unterstützung durch ein kompetentes Team und einen kompetenten Ansprechpartner. Die Bindung - so eng sie auch sein muss – kann und darf nicht „intim“ sein, sondern sie muss kommunizierbar sein und reflektiert werden. Das Team muss die eingeführten Rituale fortsetzen, wenn die Bindungsperson nicht arbeitet. Außerdem verläuft die Bindungsentwicklung nie reibungslos und ohne Probleme. Für die Bindungsperson sind diese Probleme immer auch mit einer emotionalen Belastung verbunden, durch die sie sich selbst und ihr Vorgehen in Frage stellt. Wenn sie keine Unterstützung und keine Möglichkeit der Reflexion hat, kann sie die Belastung auf Dauer nicht aushalten!

  2. Grenzen setzen, Regeln und Strukturen vorgeben
    In der ersten Phase der Bindungsentwicklung sollte man Grenz- und Regelsetzungen auf ein Minimum reduzieren. Es ist sinnvoll, eine Tagesstruktur und damit – wie schon beschrieben – Rituale einzuführen. Weiterhin ist es sinnvoll, soweit wie möglich die Nutzung aggressiver Symbole sowie die Möglichkeit der Identifikation mit aggressiven Vorbildern von vorn herein zu unterbinden (z.B. bei Kleidung, Plakaten, Fernsehen, Musik, usw.). Die Anbindung an aggressive Vorbilder erschwert den Anfang einer liebevollen Bindungsentwicklung erheblich. Meist verlieren die aggressiven Symbole bereits innerhalb der ersten zwei Wochen ihre Attraktivität.

    Zu viele Grenzen am Anfang würden ohnehin dazu führen, dass die Kinder/Jugendlichen überhaupt nichts akzeptieren. Mann muss immer bedenken, dass sie nichts zu verlieren haben und dass ihnen sogar ihr eigenes Überleben gleichgültig ist. Erst wenn eine sichere Bindung anfängt sich zu entwickeln, haben sie etwas zu verlieren, nämlich den Menschen den sie lieben und der sie liebt.

    Wenn die Grundlagen einer sicheren Bindung gelegt sind, nach ca. 4 bis 6 Wochen, müssen Regeln und Grenzen konsequent eingeführt und deren Einhaltung durchgesetzt werden. Auch hier spielt die Bindungsperson die zentrale Rolle. Sie muss die Grenzen definieren, einführen und selbst „leben“. Nur wenn sie selbst die Grenzen und Regeln „aus dem Bauch heraus“ vertreten kann, wird das Kind sie übernehmen. Nur wenn sie sich nicht umstimmen oder umwerfen lässt, entwickelt sich die Bindung in Form einer „sicheren Bindung“ weiter. Dabei sollte sich die Bindungsperson darüber bewusst sein, dass Kinder die Werte, Normen und Regeln ihrer sozialen Umwelt nicht aus einer rationalen Einsicht heraus, auch nicht aus „Konditionierung“ über Erfolg und Misserfolg übernehmen, sondern aus der Identifikation mit ihrer Bindungsperson.

    Wenn man im Team arbeitet, ist es besonders zu Beginn der 2. Phase erforderlich, eine gemeinsame Sprache zu sprechen und die von der Bindungsperson gegenüber dem Kind eingeführten Grenzen gemeinsam durchzusetzen. Dabei können sich gegenüber dem Kind ruhig alle anderen Betreuungspersonen auf die Bindungsperson berufen. Handeln einzelne Kollegen inkonsequent, hat am meisten die ohnehin schon belastete Bindungsperson darunter zu leiden.

  3. Den „Stiefmutterkonflikt“ vermeiden - Elternarbeit
    Bindungsstörungen mit Bindungsentwicklung ohne Eltern- bzw. Familienarbeit zu behandeln ist unmöglich. Gerade, wenn die Entwicklung einer sicheren Bindung optimal verliefe, käme für das Kind/den Jugendlichen früher oder später die Frage auf „bist du denn meine richtige Mutter oder mein richtiger Vater?“. Ohnehin wird man es fast immer erleben – und sogar bei älteren Jugendlichen -, dass sie nach einigen Wochen Bindungsentwicklung wie zufällig „Mama“ oder „Papa“ zu ihrer Bindungsperson sagen. Allerdings – die leiblichen Eltern sind in unserer Kultur und Gesellschaft als Identifikationspersonen, über die letztendlich die persönliche Identität des Kindes bestimmt ist, nicht ersetzbar. Würden wir uns diesem Problem nicht stellen und so tun, als könnten wir über die Entwicklung einer sicheren Bindung die Eltern in dieser Hinsicht ersetzen, würden wir zwangsläufig einen „Stiefmutterkonflikt“ erzeugen, d.h. den für das Kind unauflöslichen Konflikt darüber, wer denn seine richtige Mutter oder sein richtiger Vater sei.

    Der Schlüssel zur Lösung dieses Problems liegt darin, dem Kind innerhalb und mit Hilfe der neuen Bindung zu beweisen, dass seine Eltern wertvoll sind und ihm diesen Wert der Eltern systematisch zu vermitteln. Elternarbeit hat in diesem Fall also nicht den Zweck oder das Ziel, Bindungsfähigkeit der Eltern herzustellen, sondern die elterlichen Ressourcen zu erforschen, zu beschreiben und damit für das Kind verfügbar zu machen. Am besten ist es, wenn die Bindungsperson an der Elternarbeit beteiligt ist und die Eltern insoweit persönlich kennt, dass sie dem Kind die Ressourcen seiner Ursprungsfamilie authentisch vermitteln kann.

    Im übrigen bedarf diese Art der Elternarbeit einer speziellen Qualifikation und Erfahrung, besonders dann wenn die Eltern psychisch gestört oder psychisch erkrankt sind.

    In keinem Fall sollte man das Kind als „Medium“ für die Elternarbeit benutzen oder gar dem Kind die Elternkontakte allein überlassen.

  4. Reifung
    Wenn man auch mit der Bindungsentwicklung auf dem Entwicklungsstand eines Kleinkindes beginnt, heißt das nicht, dass das Kind/der Jugendliche jetzt die ganze Differenz zu seinem Lebensalter an Zeit benötigt, um „nachzureifen“. Wenn eine sichere Bindung entstanden ist, vollzieht sich dieser Prozess relativ rasch. In den meisten Fällen kann man schon nach einem halben Jahr große Entwicklungsfortschritte beobachten. Das Reden und das Fühlen des Kindes beginnen, besser zusammen zu passen. Bei den Kindern entwickelt sich langsam Vernunft und die Fähigkeit, aus Einsicht zu handeln.

    Für die Bindungsperson, die sich vielleicht gerade daran gewöhnt hat, das Kind wie ein Kleinkind anzunehmen, bedeutet das eine erhebliche Umstellung. Die Frequenz und die Intensität der Körperkontakte wird geringer. An die Stelle des „Bauches“ tritt langsam der „Kopf“. Während man in der Anfangzeit Diskussionen abblocken musste, wird es jetzt wichtig, mit dem Kind zu sprechen. Trotzdem sollte man nicht auf die Idee kommen, mit dem Kind/Jugendlichen Gespräche im Sinne einer „Gesprächstherapie“ zu führen (auch nach 2 Jahren Bindungsentwicklung noch nicht!!), um auf diese Weise negative Erlebnisse aus der Lebensgeschichte „aufzuarbeiten“. Auch sollte man das Kind nicht zu „therapeutischen Zwecken“ an andere Personen weiterreichen. Vielmehr sollte die Bindungsperson gemeinsam mit dem Kind diesen Reifungsprozess durchleben und ihm die eigenen Einstellungen und Werte vermitteln. Wenn es dann noch gelingt, nutzbare Ressourcen aus der Ursprungsfamilie einzubeziehen, ist die Entwicklungsprognose gut. Das größte Trauma für ein Kind ist, wenn es ohne sichere Bindung aufwachsen muss. Die „Aufarbeitung“ aller anderen Traumata kann man getrost auf das Erwachsenenalter verschieben.

    Bei den meisten Kindern mit einer Bindungsstörung kann man nach ca. zwei Jahren Bindungsentwicklung abschätzen, wie ihre Möglichkeiten als erwachsenen Menschen einmal aussehen werden. Davon hängen auch die weiteren Schritte in Richtung Verselbständigung ab. Alle Beteiligten sollten sich aber darüber klar sein, dass die Bindungsperson auch darüber hinaus noch als Ansprechpartner gebraucht wird.

Quelle: Institut Johnson, Bindungsstörungen

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